Projekt "Justiz macht Schule"
Einblicke in die österreichische Justiz
Im Rahmen des Wahlpflichtfachs Psychologie erhielten wir in den vergangenen Wochen die besondere Gelegenheit, einen spannenden Einblick in die Arbeit der österreichischen Justiz zu gewinnen.
Den Auftakt bildete die Teilnahme am Projekt „Justiz macht Schule“ am Landesgericht für Strafsachen Graz. In einem Workshop wurden uns die Grundlagen des österreichischen Rechtssystems, die Aufgaben von Gerichten und Staatsanwaltschaften sowie verschiedene Berufsmöglichkeiten innerhalb der Justiz nähergebracht. Besonders interessant war dabei die praxisnahe Gestaltung des Vormittags. Anhand von Fallbeispielen und einem Prozessspiel konnten wir selbst in die Rollen von Richter:in, Staatsanwalt/Staatsanwältin, Verteidiger:in oder Zeug:in schlüpfen und so den Ablauf eines Gerichtsverfahrens besser verstehen. Das Projekt verfolgt das Ziel, jungen Menschen die Bedeutung des Rechtsstaats und die Funktionsweise der Justiz auf anschauliche Weise näherzubringen.
„Gerechtigkeit ist Gewissen, nicht das persönliche Gewissen, sondern das Gewissen der gesamten Menschheit.“
— Victor Hugo
Eine Woche später folgte der zweite Teil des Projekts: der Besuch von drei öffentlichen Gerichtsverhandlungen am Landesgericht für Strafsachen Graz. Dadurch konnten wir die im Workshop vermittelten Inhalte direkt in der Praxis erleben. Besonders beeindruckend war die professionelle und zugleich sachliche Atmosphäre im Gerichtssaal. Wir konnten beobachten, wie Richter:in, Staatsanwält:in und Verteidiger zusammenwirken und welche Bedeutung eine sorgfältige Beweiswürdigung für die Entscheidungsfindung hat.
Einer der verhandelten Fälle betraf einen Mann, der nach einem Brand in seinem Haus wegen schwerer Sachbeschädigung angeklagt war. Obwohl der Angeklagte zunächst gestanden hatte, das Feuer selbst gelegt zu haben, gelangte das Gericht nach der Beweisaufnahme zu dem Schluss, dass ein Vorsatz nicht ausreichend nachgewiesen werden konnte. Der Mann wurde daher freigesprochen. Dieser Fall zeigte eindrucksvoll, wie wichtig die Unschuldsvermutung und die genaue Prüfung aller Beweise im Strafverfahren sind.
Für uns als Psychologie-Schüler waren die Gerichtsbesuche besonders interessant, da sie viele psychologische Fragestellungen aufwarfen. Wie entstehen Geständnisse? Welche Rolle spielen Erinnerungen und Wahrnehmungen von Zeug? Wie werden Aussagen beurteilt und welche Faktoren beeinflussen menschliches Verhalten in Konfliktsituationen? Die Beobachtungen im Gerichtssaal verdeutlichten, wie eng Psychologie und Recht in vielen Bereichen miteinander verbunden sind.
Insgesamt war die Teilnahme an „Justiz macht Schule“ eine äußerst lehrreiche Erfahrung. Der Workshop und die anschließenden Verhandlungsbesuche ermöglichten uns einen authentischen Einblick in die Arbeit der Justiz und zeigten eindrucksvoll, welche zentrale Rolle Rechtsstaatlichkeit und faire Verfahren in unserer Gesellschaft spielen.